• SATTELITE 2016
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SATELLITE  2016

Acryl, Pastel, Watercolor

Weißes Rauschen als Störbild und nicht vorhersehbares Spektrum an Farben wird zum Gegenstand der Reflexion und Interpretation. Die sinnliche Fülle des Sichtbaren vor aller genauen Bestimmung tritt in der makroskopischen Betrachtung hervor und bildet neue Ansätze jenseits der traditionellen Vorstellung von Komposition. Rauschen wird zum individuell spezifizierten Phänomen, das aus dem informellen Rauschen hervortritt und Gestalt gewinnt. Es "organisiert" sich, indem es sich vereinzelt vom Rauschen abhebt, um in den Bereich der Wahrnehmung zu treten.

White Noise as a residual image and not predictable spectrum of colours becomes the object of reflexion and interpretation. The sensuous fullness of the visible before all exact determination comes out in the macroscopical consideration and forms new approaches beyond the traditional image of composition. Noise becomes an individually specified phenomenon which comes out of the white noise and takes form. It organizes itself while it contrasts, in places, in order to enter the area of perception.

 

Die Eleganz, mit der sich Yana Yo auf dem künstlerischen Parkett bewegt, sich ihr immer neue Türen öffnen und die malerischen Aufgabenfelder neu definieren, spricht für eine ihr ganz eigene, große Souveränität. 1979, dem Jahr, in dem mit der neoexpressionistischen Wilden Malerei der vorläufig letzte in Europa sich formierende begriffsprägende Malereistil zum Durchbruch gelangte, begann sie ihr Malereistudium bei KH Hödicke in Berlin. Freies Experimentieren mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln war das Gebot der Stunde. Diese Offenheit und Experimentierfreude hat sich Yana Yo bis heute erhalten. In den Berliner Jahren arbeitete sie ebenso in den Bereichen Film und Performance. Auch jetzt noch können gelegentlich kleine Filmarbeiten entstehen, wie der Schwarzweißfilm Brian's Walk (2012) beweist. Aber im Wesentlichen finden die Kehrtwendungen und Neuformulierungen ihrer künstlerischen Identität innerhalb des malerischen Diskurses statt.

Was aber ist der innere Motor dieses eigenwilligen Forschungsprojekts, das die malerische Untersuchung in immer neuen Versuchsanordnungen vorantreibt? Yo ist der winzigen Differenz auf der Spur zwischen dem Nebel des informellen Rauschens und dem Moment des Sehens und Erkennens, in dem die piktorale Form aus der Beliebigkeit heraustritt und eine spezifische Gestalt annimmt. Wie schafft es eine visuelle Information unter vielen, Prägnanz und Individualität zu entwickeln, sich mit Emotionalität und Subjektivität aufzuladen und so aus der Anonymität herauszutreten und damit sichtbar zu werden? Die soziale und politische Dimension dieser genuin künstlerischen Fragestellung liegt auf der Hand.

Dem Getümmel der Möglichkeiten relevante Konstellationen abzugewinnen – darum ging es schon in ihrer frühen Werkgruppe 3 Sekunden Treiben (1987 – 1990), in der frei vagabundierende Formen piktogrammartiger Zeichenhaftigkeit zu sinnstiftenden Gruppierungen zusammenfanden. Als nächstes verfolgte Yo über einen Zeitraum von zehn Jahren mit den Books of Color auf dem Gebiet der Farbfeldmalerei den ekstatischen Moment, in dem sich Farben zu etwas verbinden, das über deren Materialität hinausgeht und eine geistige Dimension von Tiefe, pulsierender Energie und Leuchtkraft entwickelt. In diesen Jahren von 1990 – 2000 sammelte sie die elementaren Kenntnisse, die für die herausragende malerische Qualität ihrer Bilder verantwortlich sind. Über alle Wechsel des Stils und der Sujets hindurch ist es dieses delikate Kolorit, die Feinstofflichkeit des Farbauftrags und die – um mit Cézanne zu sprechen – farbmodulatorische Komposition, die als durchgängige Konstante ihrer Bilder bis zu den neuesten Arbeiten aus der Gruppe Satellite ihre Betrachtung zu einem schwelgerischen sinnlichen Genuss machen.

Überraschenderweise wechselte Yana Yo um die Jahrtausendwende von der abstrakten zur figurativen Malerei, wobei sich diese neuerlichen Expeditionen in ein wiederentdecktes Terrain ein weiteres Mal über einen Zeitraum von rund zehn Jahren erstrecken sollten. In der Arbeit mit dem Gegenstand kommt eine psychologische Komponente hinzu. In Übertragung von Barthes Ausführungen zur Fotografie könnte man in dieser neuen Figuration von dem entscheidenden Moment als dem Punctum sprechen, da es um genau diesen oft in einem nebensächlichen Detail versteckten Auslöser geht, der eine banale Situation in ein Bild verwandelt, das den Blick bannt. Yo arbeitet mit komplexen Durchdringungen unerwarteter Konfrontationen auf symbolischer, malerischer und kompositioneller Ebene, etwa wenn in der Werkgruppe Sir Brian´s Home (2007) zwei kleine Figuren aus dem Grenzbereich zwischen Volkskunst und außereuropäischer Kunst so zueinander positioniert werden, dass sie ebenso viele Analogien entwickeln wie scheinbar unüberbrückbare Gegensätze, sich also gleichzeitig harmonisch verbinden und gegenseitig abstoßen. Im Terminus der Gestaltpsychologie gesprochen handelt es sich hier um das rein visuell wirksame Phänomen des Gestaltwandels. Es gibt keine Eindeutigkeit des Sehens. Die Bildinformation ist ambivalent, das heißt wie bei einem Vexierbild zerfällt das Bild in verschiedene Lesarten, die nicht zur Kongruenz kommen können. Auch diese irritierenden Erscheinungen unlogischer Gleichzeitigkeit werden uns in den Satellites wieder begegnen.

2010 kommt die Collage ins Spiel. Wie bei keinem anderen Medium gehören überraschende Konfrontationen und die Vermischung verschiedener Raumebenen zum Wesen der Collage. Auch Yo greift in ihrer Serie Female Trouble Wonderland (2010 – 2012) auf dieses Prinzip zurück und lässt weibliche Figuren in atmosphärischen Bildräumen agieren. Mit der Verarbeitung persönlicher Erfahrungen geht auch hier eine wesentliche Erweiterung der künstlerischen Skills einher. Diese liegt zum einen in der Einbeziehung von Bildmaterial aus den Massenmedien und zum anderen in dem erstmals auftretenden tiefen und entleerten, häufig in Landschaftliches vorstoßenden Bildraum. Diese Weite des Raumes wird zum nächsten Untersuchungsgegenstand, wie der Titel Open Spaces: Level 3 (2013 – 2014) bereits ankündigt. Mit der Öffnung des Raumes kommt sehr viel Licht in diese neue Malerei, und weitere formale Innovationen wie Transparenzen, Schichtungen und Fragmentierungen führen allmählich zu einem Eindruck von Reduktion und Offenheit. In der Collage findet parallel eine ähnliche Entwicklung statt. Auf den Blättern der Gruppe Space II Space (2012 - 2014) diffundieren die Einzelelemente in den Raum; sie werden zunehmend fragmentierter und filigraner. Diese Leichtigkeit schlägt eine neue Tonlage an, die den Arbeiten von Yana Yo seitdem eigen ist.

Zunächst aber werden in der Gruppe der Open Archives, Spooky Action (2014 – 2015) die innerbildlichen Beziehungen in den Dienst eines außerbildlichen Systems gestellt. Yo bezeichnet die Open Archives ausdrücklich als „visuelle Kompositionen von Netzen und Verknüpfungen, die auf realen Ereignissen basieren und zusammen wirken. Es sind Studien zu Knotenpunkten, wie sie in der Natur, Physik, Politik, Wirtschaftssystemen, in Daten- und in Wegenetzen entstehen.“ Als eine Art Untergruppe dieser an Diagramme erinnernden Studien wirken die luftig-leichten Blätter der Werkgruppe Die chinesische Flöte (2015), die durch Partituren, also musikalische Notationen angeregt wurden. Die Verbindung mit der Musik versetzt die Bildorganisation in eine heftige Bewegung, wie durch einen Windzug durcheinandergewirbelt.

Wenn sich Yana Yo in der 2016 entstandenen Gruppe Satellite vom Störbild des analogen Fernsehgeräts inspirieren lässt, dem „Schneegestöber“, das bei gestörtem Empfang erscheint, geht sie den entgegengesetzten Weg: vom Chaos zur Ordnung. Sie arbeitet aus den schier unendlichen Möglichkeiten einzelne Konstellationen heraus und legt Verbindungswege an, stellt kunstvolle, das heißt so prägnante wie vieldeutige Beziehungen her. Dabei bedient sie sich einer visuellen Ressource, die tendenziell bereits verschwunden ist, da sie inzwischen durch das Digitale ersetzt wurde. Im Digitalen gibt es das chaotische Rauschen nicht, selbst wenn der heute gebräuchliche Begriff Informelles Rausches, mit dem schlicht die Überfülle und Unfassbarkeit der fluktuierenden Informationen gemeint ist, eine Analogie suggeriert. Der grundlegende Unterschied liegt in der Tatsache, dass Phänomene wie auch das akustische Weiße Rauschen eine gleichmäßige Verteilung bezeichnen, die völlig strukturlos ist, während sich das Digitale gerade durch verbindliche Strukturen und Verknüpfungen definiert. Damit hatte sich Yo in den Open Archives, Spooky Action ausführlich beschäftigt. Insofern bietet der Schritt zum chaotischen Rauschen eine beträchtliche Erweiterung des Bewegungsspielraumes.

Eine ästhetische Untersuchung des Rauschens fördert eine Menge Material zu Tage, das seine tragende Rolle in der Kunst bestätigt. Es ist die wahrnehmbare Manifestation eines chaotischen Ordnungsprinzips, in dem der Zufall als großer Gestalter auftritt. Nicht von ungefähr haben Künstler wie John Cage und Nam June Paik ihre Visionen darauf gebaut. In ihren offenen Versuchsanordnungen triumphiert der Zufall in Sachen Subtilität, Variationsreichtum und Tiefe mit Leichtigkeit über den Determinismus des Rationalen, der mit Dogmatismus und Autorität gleichgesetzt wurde. Was für Cages Radio Music (1956) das Rauschen, ist für Robert Rauschenbergs Weiße Bilder (1951) die leere Leinwand. Das Rauschen enthält die Summe aller möglichen Botschaften vom Anfang bis zum Ende aller Tage, so wie im Grundrauschen des Kosmos´ immer noch das Echo des Urknalls zu erkennen ist.

Denn das Chaos tendiert zur Ordnung. Aus der Explosion an Möglichkeiten bilden sich neue Strukturen. Yana Yo unterstützt diesen Prozess in einer behutsamen, Schicht um Schicht in die Tiefe des Bildraumes vordringenden Suche. Ihr künstlerisches Interesse ist ein Emanzipatorisches, das bereits angelegte Möglichkeiten aufspürt und mithilfe eines unsichtbar darüber gelegten Rasters in tragfähige Verbindungen ausbaut. Aus dem anarchischen Tanz der Lichtpunkte schafft sie Ordnungen, die durchlässig und flexibel sind, und die sich nach allen Richtungen des Raumes organisieren. Die Satellites entstanden alle aus einem einzigen Screenshot. Mit Pastell, Tusche, Aquarell und Acryl werden daraus komplexe Organismus. Jede der einzelnen Zellen ist für das Gesamtgefüge im freien Spiel der Kräfte unerlässlich.

− Sabine Elsa Müller